Nach ihrem Jurastudium in Berlin hat Anne Sanders in Köln promoviert, dann ein Masterstudium in Oxford absolviert, bevor sie in Köln ihr Referendariat gemacht und habilitiert hat. Frau Sanders war außerdem wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht und ist als Expertin für den Europarat im Bereich Justizberatung tätig. Heute ist sie Professorin und Direktorin des Instituts für Familienunternehmen an der Universität Bielefeld.

Während sie als Juniorprofessorin an der Universität Bonn tätig war, durfte ich für sie als wissenschaftliche Hilfskraft arbeiten und sie unter Anderem bei der Fertigstellung ihrer Habilitation unterstützen. Dabei und im Gespräch mit ihr habe ich, damals ganz zu Beginn meiner Promotionsphase, viel gelernt und viele wertvolle Ratschläge (nicht nur) zum wissenschaftlichen Arbeiten bekommen, die mich bis heute begleiten. Als Begründerin des Justitita-Programms in Bonn ist Frau Sanders mitverantwortlich dafür, dass ich mich getraut habe, den Weg in die Wissenschaft in Betracht zu ziehen, und außerdem ein großes Vorbild für mich. Ich freue mich sehr, heute mehr über Frau Sanders eigene Promotion zu erfahren und ihre Tipps hier mit anderen Promovierenden teilen zu dürfen.

Zu welchem Thema haben Sie promoviert?

„Statischer Vertrag und dynamische Vertragsbeziehung – Wirksamkeits- und Ausübungskontrolle von Gesellschafts- und Eheverträgen“, erschienen im Gieseking-Verlag, Bielefeld 2008 mit einem Druckkostenzuschuss der Johanna und Fritz Buch Gedächtnisstiftung, ausgezeichnet mit dem Erhardt-Imelmann Preis der Universität zu Köln 2008.

An welcher Hochschule haben Sie promoviert?

Universität zu Köln

Wann begann und endete Ihre Promotionsphase? Vor oder nach dem Referendariat?

Beginn der Promotionsphase: Januar 2003 bis Juli 2005, dann noch einmal September bis November 2006 zur Überarbeitung. Disputation im Mai 2007

Ich habe vor dem Referendariat promoviert. Die Idee, erstmal das Referendariat zu machen, kam mir gar nicht. Ich hatte damals Aussicht auf eine Stelle an der Universität bei Frau Dauner-Lieb und wollte die auch wahrnehmen. Das Referendariat habe ich gemacht, als ich aus England zurückkam, 2006 bis 2008.

Wie lief Ihre Promotion ab? Wann haben Sie mit der Themensuche begonnen, wann hatten Sie das Thema gefunden und festgelegt, wann haben Sie Ihre Schriftfassung final abgegeben, wann war die Disputatio(n)/das Rigorosum? Und welche wichtigen Zwischenschritte gab es dazwischen?

Das Thema wurde festgelegt im Januar bzw. Februar 2003. Arbeit an der Promotion bis Juli 2005, dann Abgabe bevor ich zum Masterstudium nach Oxford ging. Nach Erhalt umfangreicher Anmerkungen meiner Doktormutter nach Abschluss des Masters (währenddessen war ich beschäftigt genug) noch einmal Überarbeitung von September bis Dezember 2006. Disputation im Mai 2007.

Wie haben Sie Ihren Doktorvater/Ihre Doktormutter gefunden?

Auf einer Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ich war im dritten Semester und fand in ihr mein großes Vorbild. Nachdem ich sie kennengelernt hatte, war mir klar, dass ich bei ihr promovieren und in die Wissenschaft gehen wollte.

Wie sind Sie auf Ihr Thema gekommen? Wie sah die Ausgangsfassung Ihres Themas aus und wie entwickelte es sich im Laufe der Promotion?

Ich habe das Thema nicht gesucht, sondern meine Doktormutter, Prof. Dr. Barbara Dauner-Lieb, schlug es mir mit den Worten vor: „Das ist das dogmatisch Spannendste was ich an Themen haben.“ Das Thema hat sich während der Arbeit daran eigentlich nicht sehr verändert, außer, dass Aspekte der ökonomischen Analyse des Rechts einbezogen wurden. Es war mir immer klar, dass es ein tolles, spannendes Thema ist. Zweifel hatte ich immer nur daran, ob ich dem Thema gewachsen sein würde.

Von außen betrachtet kann man anmerken, dass damals die Inhaltskontrolle von Eheverträgen stark diskutiert wurde und ich dazu eine Menge Aufsätze schreiben konnte. Das gab mir Publikationserfahrung und machte mich unter Familienrechtlern bekannt. Im Gesellschaftsrecht war das nicht in gleichem Maße der Fall.

Das einzige, was sich wirklich verändert hat, ist der Titel der Arbeit. Der Untertitel war als Thema immer klar, schwierig war nur, einen Obertitel zu finden, der die Gemeinsamkeiten der drei Themen Eheverträge, Gesellschaftsverträge und Kontrolle von Dauerschuldverhältnissen unter eine Klammer bringen konnte. Den Obertitel habe ich an einem netten Abend mit Hilfe von Prof. Dr. Michael Hassemer gefunden.

Haben Sie ein Exposé geschrieben? Wenn ja, was hat es Ihnen gebracht?

Nein. Das habe ich erst gemacht, als ich mich dann 2004 für ein Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes bewarb. Heute würde ich das jedem in einem früheren Stadium empfehlen. Nicht, weil damit die Arbeit völlig festgelegt ist, man ändert noch genug, sondern weil einen das zwingt, die Arbeit als großes Bild zu skizzieren, bevor man in den Details verschwindet.

Immerhin habe ich aber im November 2006 eine Zusammenfassung in englischer Sprache auf 150 Seiten gemacht, nach dem Master,  als ich mich für eine Forschungsstelle in Oxford beworben habe. Für die Bewerbung war eine Doktorarbeit in englischer Sprache erforderlich, die ich natürlich nicht hatte. Ich habe die Stelle dann leider nicht bekommen und diese englische Zusammenfassung später nie wieder gebraucht. Aber es war eine gute Übung, das Thema einmal einem englischen Leser zu erklären und damit zu merken, was wirklich wichtig war. Diese Arbeit hat mir noch einmal sehr geholfen, die wesentlichen Linien dann in der deutschen Fassung endgültig herauszuarbeiten.

Bei meiner Habilitation habe ich eine Art Exposé geschrieben, wieder in Englisch, und es hat die Arbeit dann ziemlich beschleunigt. Wenn man in einer anderen Sprache recht gut zu Hause ist, würde ich durchaus mal versuchen, das Thema in einer anderen Sprache zu formulieren. Das zwingt einen, einen andern Blickwinkel einzunehmen und klar zu formulieren, was man meint und sich nicht auf deutsche Begriffe zu stützen, die vielleicht gar nicht mehr so klar und unangreifbar sind, wenn man die deutsche Sprache verlässt.

Was mir sicher geholfen hat, nicht völlig den Überblick zu verlieren, waren meine Publikationen zu meinem Promotionsthema. Das ist aber auch ein Risiko, weil man mit dem Schreiben nebenher viel Zeit verliert.

Was fiel Ihnen bei der Recherche besonders schwer? Wie haben Sie Literatur und Notizen verwaltet und organisiert? Haben Sie irgendwelche Tipps?

Ich war extrem unorganisiert! Ich hatte eine Datei mit Ideen und Fundstellen, aber in der habe ich dann nur schwer etwas wiedergefunden. Außerdem habe ich von Anfang an geschrieben und ein Literaturverzeichnis geführt. Immerhin habe ich von Anfang an Fußnoten mit den richtigen Fundstellen gemacht, so dass ich später nicht ewig herumgesucht habe. Heute würde ich aber jedem raten, das anders zu machen und alle technischen Hilfsmittel zu nutzen, die es heute gibt. Entscheidend ist aber bei alledem, dass man eine innere Struktur, ein inneres Bild des Themas entwickelt. Lauter kleine Einzelstückchen bringen im Ergebnis nichts, auch wenn sie noch so gut nachgewiesen sind.

Wie lief das Schreiben bei Ihnen ab? Haben Sie von Anfang an geschrieben oder erst nach Abschluss der Recherche? Haben Sie Tipps und Ratschläge zum Schreiben?

Ich habe von Anfang an geschrieben, und sei es auch nur kurze Zusammenfassungen der Texte, die ich gelesen habe. Ich kann gar nicht anders. Ich denke beim Schreiben. Grundsätzlich würde ich heute meinen eigenen Doktoranden raten, erstmal ein Exposé wie eine Seminararbeit oder einen Aufsatz zu schreiben. Dafür muss man dann zuerst recherchieren, damit man eine grundlegende Vorstellung hat. Dann kann man aber das Exposé erweitern und dabei jeweils den Blick zwischen Recherche und Schreiben hin- und herwandern lassen. Dabei kann (und soll) man durchaus viel Zeit mit reiner Recherche verbringen. Ich würde aber immer die Eindrücke und Ideen, die man dabei hat, sofort niederschreiben und mit Fundstellen zur Quelle versehen. Sonst liest man nachher jahrelang und findet zum Schluss nichts mehr wieder.

Welche Überarbeitungsschritte waren für Sie am Wichtigsten? Hatten Sie Korrektur-Leser?

Meine Doktormutter hatte immer Anmerkungen zu meinen Aufsätzen gemacht. Wichtig war für die Überarbeitung dann das Korrekturlesen von Partner und Freunden, die mich auf wichtige Punkte hingewiesen haben. Dann folgte die „große Lektüre“ meiner Doktormutter am Werk insgesamt, die dann mit umfangreichen Anmerkungen (30 Seiten, schauder…) endete. Daraufhin habe ich die Arbeit dann, nach dem Master, nochmal überarbeitet. Das ging dann eigentlich recht schnell.

Ich bin ihr bis heute sehr dankbar, dass sie sich so viel Mühe mit meiner Arbeit gemacht hat, auch wenn ich natürlich auf mehr Begeisterung gehofft hatte. Ich kann nur jedem empfehlen, Feedback zu suchen und dankbar dafür zu sein. Professoren haben wenig Zeit und wenn sie sich die nehmen, um die Arbeit zu verbessern, sollte man dankbar sein und nicht rumzicken. Das fällt einem nicht immer leicht, auch mir nicht. Man will natürlich, dass alle Hurra rufen oder dass die Uhren stehenbleiben, wenn man das große Werk vorlegt. Aber das ist nicht so. Das kann gar nicht so sein. Gute Arbeit entsteht nur mit Überarbeitung, so hart das auch sein mag.  Wenn man Feedback bekommt, heißt das aber nicht, dass man es genauso machen muss, wie die Kritik sagt. Entscheidend ist, dass man sich bewusst macht, dass der Kritiker irgendeinen Punkt mit seiner Kritik getroffen hat, an dem man arbeiten muss. Also ruhig drüber nachdenken, inwiefern Kritik berechtigt ist und diese umsetzen.

Neil Gaiman hat das einmal wunderbar formuliert:  “Remember: when people tell you something’s wrong or doesn’t work for them, they are almost always right. When they tell you exactly what they think is wrong and how to fix it, they are almost always wrong.”

Gab es während Ihres Masters neben den Anmerkungen von Ihrer Doktormutter noch neue Anregungen und Ideen aus dem Masterstudium? Haben Sie den Eindruck, dass es der Überarbeitung gut getan hat, dass Sie eine Weile liegen blieb, bevor sie wieder eingestiegen sind?

Ob es hilfreich war, dass die Arbeit eine Weile liegen geblieben war, kann ich nicht sagen. Ein gewisser Abstand war sicher gut und hat die Arbeit kohärenter gemacht. Dafür hätte es aber keines ganzen Masterstudiums bedurft, insbesondere auch, weil ich im Master ganz bewusst keine Fächer gewählt habe, die ich in der Diss behandelt habe. Ich wollte ja damals schon in die Wissenschaft und dachte, ich muss mich wissenschaftlich breit aufstellen. Aber vielleicht war der Master auch hilfreich für die Arbeit? So genau kann man ich das jetzt selbst gar nicht sagen. Wichtig war die Erfahrung der Kritik meiner Doktormutter jedenfalls, weil ich gemerkt habe, dass das Überarbeiten nicht zeigt, dass ich es nicht kann, sondern dass es ein notwendiger Teil der Forschung ist, Kritik zur Verbesserung der eigenen Arbeit zu nutzen. 

Wie haben Sie sich auf die Disputatio vorbereitet? Wie haben Sie die Thesen ausgewählt? Wie verlief die Disputatio und die Diskussion?

Ich hatte bereits an das Ende meiner Arbeit Thesen gestellt und mir überlegt, welche die wichtigsten sind. Die konnte ich dann einfach übernehmen. An die Disputation erinnere ich mich nicht mehr so gut. Jedenfalls war die Diskussion recht angenehm und ich war schrecklich aufgeregt.

Wie lange hat es von der Disputatio zur Veröffentlichung gedauert? Wie verlief der Veröffentlichungsprozess?

Die Veröffentlichung war in der zweiten Hälfte 2008. Hinsichtlich der Schriftenreihe hatte meine Doktormutter einen Vorschlag gemacht, dem ich gefolgt bin. Zur Aufnahme in die Schriftenreihe musste ich die Gutachten vorlegen, aber das ging alles recht schnell. Glücklicherweise habe ich einen Druckkostenzuschuss bekommen. Hier kann ich nur raten, sich rechtzeitig über die Finanzierung der Drucklegung Gedanken zu machen, insbesondere wenn man in die Wissenschaft will und in einem „schicken Verlag“ veröffentlichen will. Für die Druckfassung kann es sich lohnen, jemanden für Lektoratsarbeiten zu bezahlen, wenn man das Geld auftreiben kann.

Welche Fragen meinen Sie, wenn Sie sagen, dass man sich frühzeitig über die Veröffentlichung Gedanken machen sollte?

Natürlich kann man sich bevor man die Arbeit geschrieben hat nur schwer überlegen, wo man sie veröffentlichen will. Aber man kann sich im Laufe der Arbeit darüber informieren, welche Vorgaben die Universität an die Veröffentlichung der Arbeit stellt und welche Optionen es gibt. Stellt sich die Entscheidung zwischen Buch oder Online-Publikation? Angesehene Reihe oder eher kostengünstige Variante bei einem weniger renommierten Verlag? Dabei spielen natürlich die Note und die weiteren Ziele eine Rolle, d.h. will man in die Wissenschaft oder will man einfach nur den Titel? In manche Reihen und Verlage kommt man ohne Summa oder Magna nicht hinein. Es kann außerdem sein, dass der Doktorvater/die Doktormutter Verbindungen zu einer Reihe hat und daher die Veröffentlichung dort vorschlagt. Das ist oft eine gute Option.

Der Auswahlprozess bei Reihen erfordert die Vorlage des Manuskripts und die Gutachten. Hier kann es auch hilfreich sein, kritische Anmerkungen der Gutachten bereits im Manuskript zu berücksichtigen und dies im Anschreiben an die Herausgeber der Reihe deutlich zu machen. Wenn mehrere Optionen bestehen, würde ich Kostenvoranschläge einholen. Die Kosten sind bei den renommierten Verlagen nicht immer  höher. So war ich im Fall meiner Habilitation positiv überrascht, dass Mohr Siebeck gar nicht so teuer war, wie ich zunächst dachte.  Insgesamt muss man damit rechnen, dass die Drucklegung teuer wird, wenn man ein Buch in der Hand halten will. Je nach der Länge des Werks sind das gute vierstellige Beträge. Druckkostenzuschüsse sind nicht leicht zu bekommen. Daher ist es gut, schon früh zu überlegen, wie man die Drucklegung finanzieren will.

Wenn die Arbeit fertig ist, sollte man sich übrigens auch ein paar Gedanken zur „Vermaktung“ machen, wenn man den Weg in die Wissenschaft anstrebt. Dafür sollte man den wichtigsten Kommentatoren und Autoren in dem Bereich ein Exemplar schicken. Dazu sollte man einen kleinen Brief schreiben, der die wichtigsten Punkte der Arbeit zusammenfasst und aufzeigt, inwiefern an die Thesen/Arbeit des Empfängers angeknüpft wird. Solche Leute haben extrem wenig Zeit und je leichter Sie es ihnen machen, die Thesen in Ihrem Buch zu zitieren, umso eher werden sie es tun. 

Wie haben Sie sich motiviert, an der Stange zu bleiben? Was hat Ihnen in schweren Zeiten, bei Zweifeln etc. geholfen?

Meine Zweifel bezogen sich immer nur darauf, dass ich dem Thema nicht gewachsen sein könnte. Hier hat mir mein Partner sehr geholfen, der immer an mich und die Arbeit geglaubt hat. Ich wusste auch, dass meine Doktormutter glaubt, dass ich das schaffe. Schließlich haben mir auch die Veröffentlichungen Auftrieb gegeben. Hier muss man aber aufpassen, dass man nicht zu viel Zeit mit kurzfristigen Projekten verbringt, die Spaß machen, während der große Berg Diss liegen bleibt. Mir hat auch geholfen, dass ich mir einen Termin gesetzt habe, wann ich ins Ausland gehen wollte. Bis dahin musste die Sache halt fertig sein. Ähnlich wie beim Examen kann ein solcher Termin erstaunliche Kräfte mobilisieren.

Bei der Habil war es dann ähnlich: Die Arbeit musste einfach fertig werden und da blieb keine Zeit für Zweifel. Einmal habe ich in dieser Zeit vor lauter Stress eine Tasse absichtlich kaputt geschmissen. Das war herrlich befreiend! Das empfehle ich nicht mit gutem Geschirr, aber manchmal ist es besser, Aggression nach außen zu richten (bitte nicht gegen andere Menschen!) als gegen sich selbst.

Wenn man aber gegen Ende der Arbeit praktisch rund um die Uhr arbeitet und es so richtig aus einem „herausfließt“ dann sollte man diesen Flow auch genießen. Es ist das Schönste, was die Wissenschaft zu bieten hat.

Schlaf und Sport sind auch wichtig und machen übrigens (wissenschaftlich nachgewiesen!) kreativer, intelligenter und weniger gestresst. Also nicht an Sport und Schlaf sparen!  

Hatten Sie irgendein Forum für Austausch mit anderen Doktorand*innen? Eine Arbeitsgruppe?

Nein, nur Austausch mit Kollegen am Lehrstuhl sowie Freunden und dem Partner.

Wie haben Sie Ihre Promotionsphase finanziert? Was waren die Vor- oder Nachteile?

Erst als Mitarbeiterin am Lehrstuhl, dann Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ich glaube, das war eine gute Reihenfolge. Jedenfalls wenn man sich vorstellen kann an der Uni zu bleiben, würde ich auf jeden Fall am Lehrstuhl anfangen. So kann man sehen, ob das was für einen ist, Erfahrungen in der Lehre sammeln und ein akademisches Netzwerk aufbauen. Wenn man nur mit einem Stipendium arbeitet, muss man auf jeden Fall darauf achten, dass man genug Austausch mit anderen hat. Einen Weg in die Wissenschaft komplett mit Stipendien zu finanzieren halte ich für gefährlich.

Wenn Sie sich selbst früher oder heute anfangenden Doktorand*innen drei Tipps bzw. Ratschläge geben könnten – welche wären das?

Das habe ich ja schon oben immer wieder gemacht. Aber hier noch ein paar andere Sachen:

1. Schreiben Sie über ein „geiles“ Thema: Ein Freund von mir, Professor für Gesellschaftsrecht, sagte einmal, seine Doktoranden sollten zu Ihren Themen eine „erotische Beziehung“ haben. So intensiv muss es ja nicht sein, aber man verbringt viel Zeit mit dem Thema. Daher sollte man über etwas schreiben, dass einen richtig interessiert. Ich habe das in meiner Habil gemerkt. Da habe ich mehrfach das Thema gewechselt und schließlich alle strategischen Überlegungen beiseite gelassen, um über etwas zu schreiben, das mich richtig interessiert hat.

2. Schreiben Sie ein Exposé, auch wenn man hinterher alles anders macht. Eine Arbeit kann sich entwickeln, aber dafür sollte man früh über die Sache als großes Ganzes nachdenken. Dabei möglichst klar eine Fragestellung formulieren, die so klar ist, dass sie sie auch ihrer Oma oder ihrem Freund erklären können. Beim Exposé sollte man sich nicht damit unter zu großen Druck setzen, dass man von sich verlangt, schon in diesem Stadium die Antwort auf alle Fragen zu haben. Wenn das Ganze so einfach wäre, dass man in kurzer Zeit alles in einem kleinen Exposé in wenigen Wochen beantworten kann, dann würde sich das Thema kaum als Doktorarbeit für einige Jahre eignen. Sie wollen über das Thema ja gerade deshalb forschen, weil die Antwort nicht sofort auf der Hand liegt! Wenn Sie in Ihrer Arbeit nie das Gefühl haben, dass Sie die Antwort nicht wissen, dann müssen Sie sich fragen, ob Sie vielleicht das wirklich interessante Problem Ihrer Arbeit noch gar nicht bearbeitet haben.Worum Sie sich aber im Exposé  und auch in der Doktorarbeit immer wieder bemühen sollten, ist sich das Problem ganz klar zu machen.

3. Informationen und Quellen gut organisieren.

4. Wissen, was man sagen will. Meine Doktormutter fragt immer: Was bringt uns Ihre Arbeit Neues? Diese Frage müssen Sie beantworten können. Diese Frage macht einem Angst, aber sie geht in den Kern dessen, was man in einer Diss macht. Einfach nur Zusammentragen reicht nicht. Ihre Arbeit braucht eine Meinung: Ihre!

5. Beim Schreiben an den Leser denken. Wenn wir gedanklich ein bestimmtes Ergebnis erreicht haben, müssen wir unseren Leser auf eine Reise zu diesem Ziel begleiten. Wir müssen dabei daran denken, dass er die Fragen unterwegs zum ersten Mal wahrnimmt. Deshalb müssen wir ihm Zeit geben, diese Fragen und Aspekte zu verstehen und ihm erklären, welche Bedeutung jeder Schritt auf der Reise zu unserem Ziel hat. Er muss es verstehen. Wenn Sie das nicht schaffen, funktioniert die Arbeit nicht.

6. Einleitung und Schluss sind das Wichtigste. Mal ehrlich. Die allermeisten Arbeiten werden komplett nur von sehr wenigen Menschen gelesen. Andere lesen die Einleitung und wenn sie die interessant finden den Schluss und dann – wenn sie die Sache wirklich spannend finden – lesen sie ein paar Teile zwischendrin. Daher muss man in der Einleitung nicht nur die zu bearbeitende Frage klar aufwerfen, sondern auch das Ergebnis so andeuten, dass der Leser, der nur diese liest, einen Eindruck von der Arbeit bekommt. Das Ergebnis sollte in klaren Thesen die Arbeit zusammenfassen und so in die Arbeit verweisen, dass der Leser die Ergebnisse komplett verstehen und – je nach Interesse – sofort aufnehmen kann.

7. Auf Ausgleich achten: menschlich, sportlich, kreativ. Eine Promotion ist ein Dauerlauf. Daher braucht man gute Organisation und Ausgleich.  

8. Wenn man nicht weiterkommt, kann es helfen, die Gliederung zu überdenken. Oft hat man – gerade gegen Ende der Arbeit – schon alle Fragen durchdacht und trotzdem passt es nicht zusammen. Oft liegt es dann an der Gliederung, wenn man nicht weiterkommt. 

9. Seien Sie dankbar für Feedback! Kaum einer schreibt die Superarbeit aus dem Stand. Arbeiten werden besser mit der Überarbeitung. Wie Ernest Hemingway sagte; „The only kind of writing is rewriting.“

10. Planen Sie ausreichend Zeit für Korrekturlesen und Formatieren ein. Das dauert länger als gedacht und Professoren hassen schlampige Arbeiten. Kein Leser kann sich auf gute Gedanken konzentrieren, wenn ihn unvollständige Sätze und Tippfehler anspringen.

11. Werden Sie fertig! Meine Doktormutter sagte einmal „Jedes schlechte Buch hat einen Vorteil: Es ist fertig“. Sie sollen natürlich ein gutes Buch schreiben. Aber das perfekte Buch werden Sie nicht schreiben und das müssen Sie auch nicht. Aber fertig werden müssen Sie, damit Sie die Diskussion anregen und die nächsten Schritte auf Ihrem Weg gehen können.

Was haben Ihnen der Doktortitel und/oder die Promotionsphase als solche persönlich und beruflich gebracht? Was haben Sie in der Zeit neben dem Fachlichen gelernt? Inwiefern profitieren Sie heute noch davon? Würden Sie sich wieder für eine Promotion entscheiden? Was würden Sie wieder so machen, was ändern?

Heute bin ich Professorin und versuche immer wieder anzuwenden, was ich in der Promotion und Habilitation gelernt habe. Im Übrigen habe ich ja schon einiges gesagt, was ich heute anders machen würde.

Gibt es sonst noch etwas, was Sie gerne sagen möchten?

Vielen Dank an meine Doktormutter, Prof. Dr. Dr. h.c. Barbara Dauner-Lieb, für Ihre konstruktive Kritik, A und dafür, dass sie immer an mich geglaubt und mich unterstützt hat.

Viel Erfolg allen bei der Promotion!

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