Was hat Dir der Doktortitel und/oder die Promotionsphase als solche persönlich und beruflich gebracht? Was hast du in der Zeit neben dem Fachlichen gelernt? Inwiefern profitierst Du heute noch davon? Würdest Du Dich wieder für eine Promotion entscheiden? Was würdest Du wieder so machen, was ändern?

Janett Bachmann: Mich hat die Promotion – insbesondere die Fertigstellung der Arbeit neben Referendariat und Nebenjob in einer Großkanzlei – phasenweise stark an meine Grenzen der Belastbarkeit gebracht. Die kannte ich damals so noch nicht – auch nicht vorm ersten Examen. Aus solchen Situationen lernt man. Ich weiß, wie wichtig Zeitmanagement ist.

Da ich unmittelbar nach der Veröffentlichung der Arbeit als Anwältin in einer Prozessabteilung angefangen habe, glaube ich, dass einen die Erfahrungen vom Schreiben/Korrigieren auch ein wenig für den Berufsalltag sensibilisieren. Manchmal sitze ich mehrere Tage am Stück an einem Schriftsatz. Das kennt man dann ein wenig.

Unmittelbar nach meiner abgeschlossenen Promotion kam dann die Anfrage meiner Fakultät, ob ich Interesse an einem Lehrauftrag habe. Mittlerweile bin ich Honorardozentin im Internationalen Privatrecht an meiner Alma Mater und durfte jüngst an der Neuauflage eines Nomos Kommentares mitschreiben.

Nach meinem persönlichen Empfinden hat man im Berufsalltag in einer Kanzlei auch einige Vorteile. Grundsätzlich ist eine Promotion in einer Großkanzlei immer gern gesehen. Insbesondere als Junganwältin hatte ich manchmal das Gefühl, dass mir der Doktorgrad in einigen Situationen ein wenig mehr Respekt beim Gegenüber – insbesondere vor Gericht – verschafft hat. Aber wie gesagt, das ist nur meine Einschätzung.


Felix Berner: Ich würde mich auf jeden Fall wieder für eine Promotion entscheiden. Es ist eine persönlich spannende Zeit, weil man sich so intensiv mit einem Thema und den eigenen juristischen Fähigkeiten befassen muss und daran wachsen kann.


Susanne Gössl: Gebracht hat es mir zum einen Selbstbewusstsein, dass ich tatsächlich selbstständig ein Projekt beginnen und in ungefähr dem Zeitrahmen abschließen kann, den ich vorher eingeplant habe. Und zugleich hat mir die Promotion die Angst genommen, riesige Projekte anzugehen – es hat sich gezeigt, wenn ich sie nur in kleine Stücke herunterbreche und Stück für Stück daran arbeite, ist das Projekt plötzlich gar nicht mehr so riesig und machbar. Außerdem habe ich gelernt, Dissertationen anderern Leute mit anderen Augen zu lesen, insbesondere den Aufbau und die Fragestellung, da ich darüber das Denkmuster der verfassenden Person besser erkennen und daher (hoffentlich) auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse besser nachvollziehen kann.

Persönlich wenig, ich habe mich bis heute nicht dran gewöhnt, damit angesprochen zu werden. Ich wollte die Arbeit schreiben und forschen, der Doktortitel war eher ein netter Nebeneffekt. Meine Vermieterin ist deutlich höflicher geworden, seit sie zufällig davon erfahren hat, das ist ein riesiger Vorteil. Außerdem erlaubt mir die Dissertation, Habilitandin zu sein und das ist großartig.

Ich würde mich auf jeden Fall wieder für eine Dissertation im IPR entscheiden. Was ich definitiv anders machen würde, ist die Wahl meines Titels. Das ist gar nicht so einfach, wie man vielleicht vorher denkt. Ich werde nicht von den Leuten gelesen, von denen ich gerne gelesen werden würde und viele Personen glauben, dass ich nur über AGB-Recht in Spielen und Kaufverträge über virtuelle Schwerter geschrieben haben.


Scarlett Jansen: Ohne Promotion wäre eine Habilitation nicht möglich. Auf dem von mir angestrebten Weg zur Professur war die Promotion daher unumgänglich.

Gelernt habe ich in dieser Zeit insbesondere, dass man sich in jedes Thema, und sei es noch so speziell, hineindenken kann. Die Promotionsphase hat mich gelehrt, dass ich mir sehr viel Expertenwissen aneignen kann und so auch selbst zum Experten werden kann. Das nimmt mir auch heute noch die Scheu vor neuen Themen.
Ich würde mich in jedem Fall wieder für eine Promotion entscheiden. Es war eine sehr schöne Zeit und mein Thema hat mich immer noch nicht losgelassen.
Ich würde nicht mehr mit einem mir bis dahin unbekannten Textverarbeitungsprogramm schreiben und nicht mehr kopieren, sondern scannen. Ansonsten würde ich alles wieder so machen.


Anne Sanders: Heute bin ich Professorin und versuche immer wieder anzuwenden, was ich in der Promotion und Habilitation gelernt habe. Im Übrigen habe ich ja schon einiges gesagt, was ich heute anders machen würde.


Mareike Schmidt: Beruflich lässt sich das einfach beantworten: Ohne Promotion kein weiterer Weg in die Wissenschaft.

Abgesehen davon habe ich die Promotionszeit im Großen und Ganzen wirklich genossen (wenn auch gegen Ende eher weniger). Meine Jahre am Lehrstuhl waren persönlich, intellektuell und fachlich sehr bereichernd und ich möchte sie auf keinen Fall missen. Die Dissertation war jenseits des Fachlichen auch als „Projekt“ eine große Lernerfahrung, die meine Selbstorganisation, mein Durchhaltevermögen und mein Selbstvertrauen gefordert und letztlich sicher gestärkt hat.

Ja, ich würde mich jedes Mal wieder für eine Promotion entscheiden – ich werde aber auch nie vergessen, dass ich mir in den letzten Diss-Monaten geschworen hatte, nie wieder ein Buch zu schreiben… Natürlich würde ich beim nächsten Mal versuchen, mich früher für ein Thema zu entscheiden, kontinuierlicher zu arbeiten, das Schreiben schneller zu beginnen und gegen Ende alles entspannter angehen zu können. Ob das klappen würde, steht aber auf einem anderen Blatt.


Rick Sprotte: Persönlich hat mir die Promotionsphase überaus viel gebracht. Ich konnte in der Zeit unglaublich viele inspirierende Menschen, deren Umstände und deren Motivationen kennen lernen. Auch über mich selbst, meine Motivation und die Definition des vielzitierten „Durchhaltevermögens“ habe ich nach dem Studium noch weitaus mehr gelernt. Es war eine Zeit ständiger Höhen und Tiefen. Diesen Zustand auszuhalten und immer weiter zu machen, hat mir viel mitgegeben. Auch interkulturell konnte ich vielfältige Erfahrungen sammeln, sei es durch die Anstellung als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und der damit verbundenen Arbeit an einem Buchprojekt mit nahezu 200 Autor*innen aus fast 60 Ländern, sei es ein Clerkship am Supreme Court von Israel oder die Forschungstätigkeit am MPI in Luxembourg sowie die Möglichkeit diverser Reisen. Von all diesen Dingen profitiere ich durchaus und wahrscheinlich waren sie meiner Anstellung an der Stabsstelle Internationales der Universität Leipzig nicht abträglich. Die Zeit der Promotion ist eine der noch größeren Freiheiten, aber auch von Verpflichtungen gegen sich selbst, wenn man die Frage der Finanzierung mal außer Betracht lässt.

Das alles fließt in die Gesamtabwägung mit ein, ob ich nochmals eine Promotion anstreben würde. Es war für mich eine teils aufreibende, aber eben auch wertvolle Zeit, die ich nicht missen wöllte. Aber jede und jeder selbst muss die eigene Motivation kennen und gut hinterfragen sowie die Zielstellung einer Promotion für sich selbst erkannt haben. Vielleicht können Enttäuschungen auf dem Weg einer Promotion so vermieden werden.

Wenn ich solch ein Projekt nochmals angehen würde, würde ich versuchen noch strukturierter vorzugehen und versuchen, den gesamten Prozess von vornherein detaillierter zu beschreiben. Unabhängig von der zur Verfügung stehenden Förderung ist es sicherlich hilfreich, ganz klar Meilensteine herauszuarbeiten und immer wieder zu überprüfen, ob diese eingehalten wurden. Nach einer gewissen Zeit ist es sicherlich nicht verkehrt, wenn etwas Zählbares bei der Bearbeitung rumgekommen ist, einfach für das eigene Gefühl. Wie auch bei meiner Promotion würde ich mich nicht drängen lassen. Es ist das eigene Projekt. Man muss es nur vor sich selbst und vielleicht Geldgeber*innen rechtfertigen, aber ansonsten ist man völlig frei, alles zu tun. Diese Einstellung würde ich beibehalten.


Sabine Vianden: Bisher habe ich insbesondere in persönlicher Hinsicht von der Promotion profitiert. Die Tatsache, dass ich ein so großes Projekt erfolgreich abgeschlossen habe, gibt mir Selbstvertrauen bei anderen Dingen, die zunächst nicht überschaubar scheinen oder bei denen ich unsicher bin, ob ich eine sich mir bietende Herausforderung annehmen soll. Die Entscheidung zur Promotion habe ich getroffen, weil sich mir die Möglichkeit dazu eröffnet hat. Vorher habe ich mich mit dem Thema kaum auseinandergesetzt, auch weil ich nicht aus einer Akademikerfamilie komme und mir eine Promotion weit weg erschien. Dass ich überhaupt promoviert habe, liegt sicher daran, dass mir die Möglichkeit dazu aufgrund der Tätigkeit am Lehrstuhl angeboten wurde. Dieses Angebot habe ich dann im Wesentlichen aus vier Gründen angenommen:

1. Ich wusste, dass das eine besondere Chance ist und für viele Leute bei der Promotion eine große Hürde ist, überhaupt eine geeignete Promotionsmöglichkeit zu finden. Wenn ich diese Möglichkeit nicht genutzt hätte, hätte ich mich später sicher gefragt, ob das nicht ein Fehler war und ich etwas verpasst habe.

2. Ich habe es als persönliche Herausforderung gesehen.

3. Arbeitsrecht hat mich schon im Schwerpunkt sehr interessiert und ich hatte Lust, bei einem bestimmten Thema ganz tief einzusteigen.

4. Nach dem 1. Examen hätte ich ohnehin einen gewissen Zeitraum überbrücken müssen, da die Wartezeiten für das Referendariat im OLG-Bezirk Köln recht lang sind. So konnte ich mich zu einem bestimmten Zeitpunkt anmelden und dabei gleichzeitig eine für den Abschluss der Promotion hilfreiche Deadline setzen.

Jetzt bin ich – trotz all der damit auch verbundenen Belastungen – froh, dass ich die Chance genutzt habe.

Im Referendariat habe ich in beruflicher Hinsicht bereits gemerkt, dass es auf fachlicher Ebene einfacher ist, mit Ausbildern und anderen Personen, die man in der Station kennenlernt, ins Gespräch zu kommen, weil bei Nennung des Doktortitels automatisch die Fragen nach dem Thema und bei wem man promoviert hat folgen. Vielleicht ergeben sich daraus wertvolle Kontakte?

Glaubst du, dass es auf deine Promotionsphase einen Einfluss hatte, dass du nicht aus einer Akademikerfamilie kommst?

Ich weiß natürlich nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich aus einer Akademikerfamilie kommen würde. Jedenfalls habe ich im Hinblick auf die Promotion nie Druck aus meiner Familie verspürt, es gab keine Erwartungshaltung, dass ich besonders schnell oder gut bin. Nachteilig war vielleicht, dass es manchmal schwierig war, sich über promotionsbezogene Probleme (Finanzierung, Arbeitsprozess, Literaturbeschaffung) auszutauschen, weil meine Eltern damit selbst nie Erfahrungen gemacht haben und ich immer viel erklären musste, warum etwas gerade für mich schwierig ist. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das auch in Akademikerfamilien der Fall ist, wenn die Eltern eine ganz andere Fachrichtung haben. Durch die Tätigkeit am Lehrstuhl konnte ich diesen Nachteil aber vermutlich ganz gut ausgleichen, weil ich so Kontakt zu Personen hatte, die in einer ähnlichen Situation sind.


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