Wenn Du Dir selbst früher oder heute anfangenden Doktorand*innen drei Tipps bzw. Ratschläge geben könntest – welche wären das?


Janett Bachmann:

1. Wenn man promovieren möchte, immer gleich nach dem ersten Staatsexamen. Nach dem zweiten Staatsexamen ist der Drang groß, unmittelbar in das Berufsleben einzusteigen. Eine Promotion neben einer vollen Richterstelle oder gar einer Anstellung in einer Großkanzlei ist nur schwerlich bis gar nicht zu realisieren.

2. Promoviere in einem Gebiet, das Dich interessiert. Ich glaube, dass man dann viel motivierter ist, als wenn dir ein Dritter das Thema aufoktroyiert.

3. Wirklich von vorn anfangen: Einleitung schreiben, dann den Hauptteil und dann den Schluss.


Felix Berner: Plakativ zusammengefasst: Ein gutes Thema ist die halbe Miete. Wichtig ist auch eine gute Gliederung und ein „small goals“-Denken.

Ein gutes Thema zeichnen für mich verschiedene Dinge aus. Zum einen sollte es so fassbar sein, dass man es in dem selbst realisitisch vorgebeben Zeitrahmen bearbeiten kann. Zweitens sollte man – soweit das möglich ist – mit einer Idee und nicht unbedingt mit einem Thema starten. Mit einer Idee meine ich einen Gedanken, von dem man zumindest denkt, er sei etwas “Neues”. Mit der Idee hat man dann auch ein gutes Thema.

Die Gliederung hängt natürlich sehr vom Thema ab. Sie zeichnet sich für mich aber vor allem durch zwei Dinge aus: Erkenne ich bereits an der Gliederung einen roten Faden? Ist die Gliederung gedanklich so ausgereift, dass ich zumindest im Groben das Thema durch die Gliederung zu dem von mir angestrebten Maße bearbeiten und deshalb auch die Gliederung, wenn ich sie habe, “abarbeiten” kann?


Susanne Gössl:

1. Formuliere dein Thema eng – es wird von selbst breit. Es sollte eine einzelne konkrete Fragestellung beinhalten.

2. Setz Dir konkrete Deadlines und halte sie ein, notfalls durch äußeren Druck. Eine allgemeine für die Abgabe und Unter-Deadlines für einzelne Abschnitte.

3. Verwende von Anfang an Citavi oder ein ähnliches Programm. Dann wirst Du nie erfahren, wie viel unnötigen Zeitverlust Du Dir erspart hast.


Scarlett Jansen:

1. Schreibt zu einem Thema, das euch begeistert und von dem ihr ausgeht, dass ihr euch jahrelang damit beschäftigen wollt.

2. Investiert am Anfang etwas mehr Zeit in die Planung (betreffend Finanzierung, aber auch in Bezug auf Literaturverwaltung, Software etc.).

3. Lasst den Kopf nicht hängen, wenn es zwischendurch mal eine Durststrecke gibt!


Anne Sanders: Das habe ich ja schon oben immer wieder gemacht. Aber hier noch ein paar andere Sachen:

1. Schreiben Sie über ein „geiles“ Thema: Ein Freund von mir, Professor für Gesellschaftsrecht, sagte einmal, seine Doktoranden sollten zu Ihren Themen eine „erotische Beziehung“ haben. So intensiv muss es ja nicht sein, aber man verbringt viel Zeit mit dem Thema. Daher sollte man über etwas schreiben, dass einen richtig interessiert. Ich habe das in meiner Habil gemerkt. Da habe ich mehrfach das Thema gewechselt und schließlich alle strategischen Überlegungen beiseite gelassen, um über etwas zu schreiben, das mich richtig interessiert hat.

2. Schreiben Sie ein Exposé, auch wenn man hinterher alles anders macht. Eine Arbeit kann sich entwickeln, aber dafür sollte man früh über die Sache als großes Ganzes nachdenken. Dabei möglichst klar eine Fragestellung formulieren, die so klar ist, dass sie sie auch ihrer Oma oder ihrem Freund erklären können. Beim Exposé sollte man sich nicht damit unter zu großen Druck setzen, dass man von sich verlangt, schon in diesem Stadium die Antwort auf alle Fragen zu haben. Wenn das Ganze so einfach wäre, dass man in kurzer Zeit alles in einem kleinen Exposé in wenigen Wochen beantworten kann, dann würde sich das Thema kaum als Doktorarbeit für einige Jahre eignen. Sie wollen über das Thema ja gerade deshalb forschen, weil die Antwort nicht sofort auf der Hand liegt! Wenn Sie in Ihrer Arbeit nie das Gefühl haben, dass Sie die Antwort nicht wissen, dann müssen Sie sich fragen, ob Sie vielleicht das wirklich interessante Problem Ihrer Arbeit noch gar nicht bearbeitet haben.Worum Sie sich aber im Exposé  und auch in der Doktorarbeit immer wieder bemühen sollten, ist sich das Problem ganz klar zu machen.

3. Informationen und Quellen gut organisieren.

4. Wissen, was man sagen will. Meine Doktormutter fragt immer: Was bringt uns Ihre Arbeit Neues? Diese Frage müssen Sie beantworten können. Diese Frage macht einem Angst, aber sie geht in den Kern dessen, was man in einer Diss macht. Einfach nur Zusammentragen reicht nicht. Ihre Arbeit braucht eine Meinung: Ihre!

5. Beim Schreiben an den Leser denken. Wenn wir gedanklich ein bestimmtes Ergebnis erreicht haben, müssen wir unseren Leser auf eine Reise zu diesem Ziel begleiten. Wir müssen dabei daran denken, dass er die Fragen unterwegs zum ersten Mal wahrnimmt. Deshalb müssen wir ihm Zeit geben, diese Fragen und Aspekte zu verstehen und ihm erklären, welche Bedeutung jeder Schritt auf der Reise zu unserem Ziel hat. Er muss es verstehen. Wenn Sie das nicht schaffen, funktioniert die Arbeit nicht.

6. Einleitung und Schluss sind das Wichtigste. Mal ehrlich. Die allermeisten Arbeiten werden komplett nur von sehr wenigen Menschen gelesen. Andere lesen die Einleitung und wenn sie die interessant finden den Schluss und dann – wenn sie die Sache wirklich spannend finden – lesen sie ein paar Teile zwischendrin. Daher muss man in der Einleitung nicht nur die zu bearbeitende Frage klar aufwerfen, sondern auch das Ergebnis so andeuten, dass der Leser, der nur diese liest, einen Eindruck von der Arbeit bekommt. Das Ergebnis sollte in klaren Thesen die Arbeit zusammenfassen und so in die Arbeit verweisen, dass der Leser die Ergebnisse komplett verstehen und – je nach Interesse – sofort aufnehmen kann.

7. Auf Ausgleich achten: menschlich, sportlich, kreativ. Eine Promotion ist ein Dauerlauf. Daher braucht man gute Organisation und Ausgleich.  

8. Wenn man nicht weiterkommt, kann es helfen, die Gliederung zu überdenken. Oft hat man – gerade gegen Ende der Arbeit – schon alle Fragen durchdacht und trotzdem passt es nicht zusammen. Oft liegt es dann an der Gliederung, wenn man nicht weiterkommt. 

9. Seien Sie dankbar für Feedback! Kaum einer schreibt die Superarbeit aus dem Stand. Arbeiten werden besser mit der Überarbeitung. Wie Ernest Hemingway sagte; „The only kind of writing is rewriting.“

10. Planen Sie ausreichend Zeit für Korrekturlesen und Formatieren ein. Das dauert länger als gedacht und Professoren hassen schlampige Arbeiten. Kein Leser kann sich auf gute Gedanken konzentrieren, wenn ihn unvollständige Sätze und Tippfehler anspringen.

11. Werden Sie fertig! Meine Doktormutter sagte einmal „Jedes schlechte Buch hat einen Vorteil: Es ist fertig“. Sie sollen natürlich ein gutes Buch schreiben. Aber das perfekte Buch werden Sie nicht schreiben und das müssen Sie auch nicht. Aber fertig werden müssen Sie, damit Sie die Diskussion anregen und die nächsten Schritte auf Ihrem Weg gehen können.


Mareike Schmidt:

  • Lass Dich nicht dadurch verrückt machen, dass andere anders oder (vermeintlich oder tatsächlich) schneller arbeiten.
  • Versuch, Deine Forschungsfrage so präzise wie möglich zu fassen. Das wird Dir immer wieder helfen zu entscheiden, was Du lesen und schreiben willst bzw. musst und – auch ganz wichtig! – was nicht.
  • Mach Dir einen Zeitplan. Der kann zwar immer wieder geändert werden (und wird es höchstwahrscheinlich auch), hilft aber trotzdem, alles im Blick zu behalten und – je nach Bedarf – den Druck etwas zu erhöhen oder auch rauszunehmen.

Rick Sprotte:

Sei dir sicher, warum du das Projekt Dissertation in Angriff nimmst. Diese Grundmotivation kann einen durch Zweifel und schwere Stunden tragen.

Bleib sitzen. Es gab Tage, an denen ich das Gefühl hatte, nichts zustande zu bringen. Irgendwann am frühen Abend brachte ich dann doch noch ein paar Absätze zu Papier.

Nimm die Freiheiten wahr, die dir als Doktorand*in zur Verfügung stehen, gleich ob materieller oder immaterieller Natur.


Sabine Vianden:

  1. Notizen und Literatur noch stärker strukturieren
  2. Sich dazu zwingen, von vorne herein einen Standard für Fußnoten festzulegen und diesen durchzuziehen (oder dafür von Anfang an Citavi nutzen!)
  3. Manche Passagen stellen sich mit der Zeit als nicht zwingend notwendig für die Beantwortung der Fragestellung heraus. Soviel Zeit man auch dort hineingesteckt hat – gerade, wenn man wie ich dazu neigt zu viel zu schreiben, dann sollte man sich von solchen Passagen trennen. Das präzisiert die Arbeit und erleichtert Überarbeitungen. Man muss sie ja nicht löschen. Man kann ein extra Dokument anlegen und die Passagen möglicherweise zukünftig für Aufsätze etc. verwerten.

Hier geht es weiter zur nächsten Frage: Was hat Dir der Doktortitel und/oder die Promotionsphase als solche persönlich und beruflich gebracht? Was hast du in der Zeit neben dem Fachlichen gelernt? Inwiefern profitierst Du heute noch davon? Würdest Du Dich wieder für eine Promotion entscheiden? Was würdest Du wieder so machen, was ändern?