Am Anfang steht die Idee, zu promovieren. Und direkt auf die Idee folgt die Frage: Sollte ich das überhaupt tun? Was bringt mir das? Ist die juristische Ausbildung nicht auch so schon lang genug? Sollte ich nicht lieber gleich Geld verdienen? Das sind alles berechtigte Fragen, auf die jede*r für sich eigene Antworten finden muss. Eine Promotion in den Rechtswissenschaften dauert zwischen zwei und vier Jahren, bei den meisten eher länger als kürzer. Die Entscheidung sollte daher gut überlegt sein. Ich möchte in diesem Beitrag ein paar Anregungen und Hilfestellungen geben, wie man sich einer Antwort auf die Fragen nähern kann.

Die Lust, zu promovieren

Wer diesen Beitrag liest, verspürt sie vermutlich, die Lust zu promovieren. Sie ist das Wichtigste. Wer überlegt, zu promovieren, sollte sich fragen, ob sie*er Spaß an wissenschaftlicher Arbeit hat. Dazu gehört es, sich ganz tief in ein Thema einzudenken, möglicherweise weit tiefer, als es je praktische Relevanz haben wird. Dazu gehört auch, viel zu lesen, einiges auch doppelt und dreifach. Dazu gehört, zu schreiben, am Text zu feilen, Fußnoten zu korrigieren, ein Literaturverzeichnis zu erstellen… Zumindest auf den Großteil dieser Tätigkeiten sollte man Lust haben.

Die Lust, zu promovieren, kann auch durch ein spannendes Thema geweckt werden, dass “auf der Seele brennt”. Das muss nicht direkt am Anfang schon da sein, aber wer auch nach Wochen kein Thema findet, dass sie*ihn wirklich interessiert, sollte die Entscheidung, zu promovieren, noch einmal überdenken. Kein Thema zu finden (oder besser: bisher kein Thema gefunden zu haben) bedeutet nicht, dass man für eine Promotion ungeeignet ist. Aber es kann eine Warnung sein, die Anlass gibt, die Entscheidung kritisch zu hinterfragen.

Neben dem eigentlichen Inhalt kann die Promotionszeit auch eine tolle Zeit sein, um sich juristisch weiterzubilden, indem man abseits des Examensstoffs liest und sich mit anderen Wissenschaftler*innen austauscht. Auch für die persönliche Entwicklung kann diese Zeit sehr wertvoll sein. Dadurch, dass man häufig zeitlich sehr flexibel ist, kann man private Projekte besser verfolgen, als in den anderen Lebensphasen. Aber Achtung, diese Freiheit birgt auch die Gefahr, mit der Dissertation nicht richtig voranzukommen (dazu unten mehr).

Was bringt eine Promotion?

Die Promotion bringt einen Doktortitel. Aber was bringt der wiederum konkret? Für alle, die in die Wissenschaft möchten, ist eine Promotion unerlässliche Voraussetzung, um zu habilitieren und später eine Professur zu bekommen. Die meisten Doktorand*innen der Rechtswissenschaft möchten aber gar nicht in die Wissenschaft. Aber auch in der freien Wirtschaft und im öffentlichen Dienst zahlt sich ein Doktortitel aus. Im Schnitt verdienen promovierte Jurist*innen besser als nicht promovierte. Was bei solchen Aussagen aber meistens offen gelassen wird, ist, ob auch die Jurist*innen mit im Übrigen gleicher Qualifikation (also vor allem gleich guten Staatsexamina) weniger verdienen als diejenigen mit Promotion. Ob der Doktortitel also wirklich im Schnitt 33.000€ pro Jahr mehr Gehalt einbringt (so zB der Focus), bezweifle ich. Allerdings kann die Promotion in Gehaltsverhandlungen durchaus ein Argument sein. In einigen Kanzleien ist ein Doktortitel Einstellungsvoraussetzung, in anderen Kanzleien oder im öffentlichen Dienst kann sie zum Teil fehlende Prädikatsexamina ausgleichen. Es gibt also durchaus Grund zur Vermutung, dass sich der Doktortitel positiv auf die Karriere auswirkt.

Darauf, ein Mammutprojekt wie die Dissertation geschafft zu haben, kann man stolz sein und es kann einen ordentlichen Schub für das Selbstbewusstsein bedeuten. Wer eine Dissertation schafft, muss so schnell vor keiner anderen Aufgabe weichen. Das ist Übrigens auch etwas, das potentielle Arbeitgeber schätzen. Der Doktortitel liefert den Beweis, dass man eigenverantwortlich über einen langen Zeitraum diszipliniert an einem Projekt fundiert arbeiten kann. Das ist ein Grund, warum promovierte Jurist*innen gerne eingestellt werden. Ein anderer Grund ist es, dass man bei der Arbeit an der Doktorarbeit auch lernt, zu schreiben und zu überarbeiten. Eine Fähigkeit, die in jeder juristischen Tätigkeit gefragt ist.

Zu guter letzt bringt ein “Dr. jur.” vor dem Namen auch einiges an Ansehen. Das ist nicht nur schön für das eigene Ego, sondern kann auch Autorität verleihen, wenn man zum Beispiel als junge Richterin schwierige Parteien in den Griff kriegen muss oder als junger Anwalt früh Mandantenkontakt hat.

Nachteile

Wenn die Promotion so viele Vorteile bringt, müssten dann nicht alle promovieren? Natürlich nicht, denn es gibt auch einige wichtige Nachteile.

Die Promotion kostet nicht nur viel Zeit, man verdient in dieser Zeit auch nicht besonders gut. Mit einer Tätigkeit als wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in und/oder einem Stipendium nagt man zwar nicht gerade am Hungertuch (in der Regel verdient man mehr als im Referendariat) – verglichen mit dem, was man nach dem Referendariat als Richter oder gar als Anwalt in einer Großkanzlei verdienen könnte, ist es aber nicht gerade viel.

Dazu kommt, dass die Promotionszeit auch sehr anstrengend sein kann. Neben der Lehrstuhl- oder Kanzleitätigkeit mit der Arbeit an der Dissertation voranzukommen, erfordert viel Organisation und Selbstdisziplin. Die Dissertation selbst liefert in der Regel sehr selten Erfolgsmomente und Motivation. Da kann es schon schwierig sein, am Ball zu bleiben, und nicht frustriert aufzugeben. Außerdem fühlt man sich mitunter als Einzelkämpfer, allein auf weiter Flur. Wenn man sich dann noch mit Kommiliton*innen vergleicht, die vielleicht schon als Anwältin oder Richter durchstarten, frustriert das noch mehr.

Ich schreibe diese Dinge nicht, um jemanden vom Promovieren abzuhalten. Ich liebe es zu promovieren und würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden. Aber man sollte von Anfang an ein realistisches Bild der Zeit machen, um eine informierte Entscheidung zu treffen. Im Übrigen gibt es auch viele Möglichkeiten, die Nachteile einzudämmen, zum Beispiel eine gute Arbeitsplanung mit ToDo-Listen oder eine Doktorand*innen-Arbeitsgruppe.

Mögliche Alternativen

Eine Promotion ist nicht die einzige Möglichkeit, für eine*n junge*n Juriste*in. Gerade, wenn es gar nicht so sehr auf den Titel und seine Vorteile ankommt, könnte ein LL.M. die bessere Wahl sein. Zumal der LL.M. von manchen potentiellen Arbeitgebern als nahezu gleichwertig angesehen wird und dazu noch viel schneller erworben werden kann (in der Regel allerdings auch teurer). Auch der LL.M. bietet die Möglichkeit, sich über den Examensstoff hinaus weiterzubilden und sich privat zu entwickeln – häufig noch dazu im Ausland. Natürlich schließen sich Promotion und LL.M. nicht gegenseitig aus, aber viele schrecken vor den in Summe bis zu fünf zusätzlichen Ausbildungsjahren zurück.

Wer nach dem ersten Staatsexamen nicht sicher ist, ob sie*er promovieren soll, kann natürlich auch erst einmal ins Referendariat gehen und sich dann entscheiden. Welche Vorteile es hat, vor dem Referendariat zu promovieren, und welche, es danach zu tun, darum wird es im nächsten Beitrag gehen.


Übrigens: Was die Promotion meinen bisherigen Interviewpartner*innen gebracht hat und ob sie sich wieder dafür entscheiden würden, könnt ihr gesammelt hier lesen.

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